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reMI (Renate Oblak, Michael Pinter), Thomas Musil, Harald Wiltsche - ‚auto_face’ 2004 PD, Computer, Theorie

Schon der Terminus ‚Interface’ impliziert eine Zwischenposition des damit bezeichneten Dinges: zwischen der technischen Apparatur und dem Gesicht angesiedelt, wirkt das Interface wie ein Fenster zwischen zwei Welten, der Laplaceschen und der Aristotelischen. Die Utopien eines frühneuzeitlichen reduktionistischen Physikalismus kulminieren in der heutigen Mikroprozessortechnik, denn alle Zustände, die triviale Maschinen von heute einnehmen können, sind so streng determiniert wie die Weltbilder ihrer ErschafferInnen. Auf der anderen Seite sitzen jedoch nach wie vor Menschen, deren Kommunikationsmöglichkeiten nicht auf Position und Negation beschränkt sind.

Der Umstand, dass nicht nur die Brücken zwischen Mensch und Maschine ‚Interface’ genannt wird, sondern auch jene sklavischen Subroutinen, die zwischen unterschiedlichen Programmen und somit lediglich zwischen digitalen Dialekten übersetzen, ist symptomatisch für das logizistisch geprägte Kommunikationsbild des frühen 21. Jahrhunderts: die menschliche Sprache, aufgefasst als Dialekt von Null und Eins.

Die Probleme, die diesbezüglich noch immer bestehen, die aber trotz der schon Programm gewordenen Erfolglosigkeit der ‚AI’-Forschung offenbar noch immer nicht adäquat in den Blick genommen wurden, drängen dann zu Zugeständnissen: von ‚intelligenten Maschinen’ ist die Rede, von ‚adaptiven Systemen’ und von ‚Sprechakttheorien’, die unsere Sprache so ärmlich erscheinen lassen, dass man schweigen möchte. Uns langweilt das. Uns interessiert viel eher, wie Interfaces reagierten, wenn sie wirklich ‚intelligent’, ‚adaptiv’ oder einfach ‚menschlich’ wären.

Die Antwort würde wohl nicht erfreulich ausfallen, denn könnte ein Interface diese Anforderungen erfüllen, wäre es kein Interface mehr, sondern ein ‚Autoface’. Ein Grundprinzip von ‚Intelligenz’, von ‚Adaptivität’, von ‚Menschlichkeit’, ist die Autonomie des Systems. Nicht im Sinne der Taubheit, sondern im Sinne der existierenden Möglichkeit der Selbstunterscheidung, der Selbstbestimmung und somit Selbstverortung. Doch ‚Möglichkeit’ impliziert immer auch, dass Gewünschtes ausbleiben kann. ‚Möglichkeit’ impliziert Störrigkeit, Verweigerung, Auflehnung. Gegen den Laplaceschen Dämonen schicken wir den freien Willen in die Schlacht und ‚intelligente Interfaces’ werden demnach ‚Autofaces’: sinnhafte, eigensinnige und undeterminierte Konstrukte, die nehmen, was sie schätzen, und ignorieren, was sie ignorieren, weil sie autonom in ihrer Eigencodierung geworden sind.

Denn, wenn wir den Spieß umdrehen, welches Bild ergibt sich? Die Maschine soll intelligent, ja menschlich sein, doch sind es unsere Fragen an sie auch? Wie würden wir reagieren, wenn ‚Autofaces’ und die Systeme dahinter Gottesbeweise und Gödel interessanter fänden als unsere Anfragen? Vielleicht sollten wir dann doch eher den unintelligenten, binären User fordern, als lautstark die intelligente Maschine zu fordern. Das wäre sicherlich weit weniger enttäuschend, denn dann müssten wir ‚Sinn’ nicht erst programmieren.

Die Installation ‚auto_face’ besteht in ihrem Kern aus zwei Ebenen, einer internen und einer externen. Zunächst wird auf eine eigens präparierte Textdatenbank zugegriffen, die philosophische Aussagen, Axiome, Lehrmeinungen und Theoriebestandteile über das ‚auto_face’ selbst beinhaltet. Über eine symbolisierte Programmoberfläche tritt das ‚auto_face’ so mit seiner Umwelt in Beziehung und ‚spricht’ beständig über sich selbst, seine Funktionsweisen und Verfasstheiten. Die zweite zentrale Ebene ist jene der Außenwelt, die einerseits durch den/die User In vor Ort oder über das Internet repräsentiert wird. Während das ‚auto_face’ die interne Datenbank und somit die theoretischen Aussagen über sich selbst durchforstet und unablässig neue Aussagen über sich selbst generiert, bleibt es an relevanten Kernbegriffen hängen und durchsucht seine Umwelt nach diesbezüglichen Informationen. Was jedoch als ‚relevante Aussage’ gewertet wird, hängt allein von den programmeigenen Kriterien und somit vom Eigensinn des ‚auto_face’ ab. Auch wenn einE User In eine Anfrage an das ‚auto_face’ stellt, hängt es allein vom Systemzustand ab, ob diese Anfrage berücksichtigt wird oder nicht. Wenn ja, wird die interne Datenbank und die Umwelt (in Form des Internet) konsultiert, wenn nein, zieht es das ‚auto_face’ vor, sich weiter mit sich selbst zu beschäftigen.

Zentral an der Installation ‚auto_face’ ist zudem die enge Verknüpfung zwischen Kunst, Theorie und Technik. ‚auto_face’ sieht sich als interdisziplinäres Produkt der Konfrontation zwischen philosophischer Reflexion, technischem Progress und ästhetischem Ausdruck.

Die technische Umsetzung des ‚auto_face’ gestaltete sich wie folgt: Zunächst wurde eine umfangreiche Programmierung in den Sprachen PD und GEM vorgenommen, wobei hierfür eigene Externals notwendig waren. Zudem musste – um die optimale Kommunikation zwischen dieser Programmierung und der Textdatenbank zu gewährleisten – ein weiteres eigenständiges Programm erstellt werden, das die Textverknüpfungen in Echtzeit und ohne nennenswerte Verzögerung zustande bringt. Dieses eigenständige Programm kann am ehesten mit einer State Machine verglichen werden, die den Inhalt der Datenbank mit den Useranfragen bzw. mit den gerade aktuellen Verknüpfungskriterien des ‚auto_face’ kombiniert. Zudem musste eine Datenbank eigens verfasster und kompilierter Texte zusammengestellt werden, die den Anforderungen des ‚auto_face’ auf technischer und inhaltlicher Ebene genügt.

Die Installation wird wie folgt präsentiert (siehe hierzu auch die beigelegte Grafik): Drei Wände des vorhandenen Raumes werden mit Videoprojektionen bespielt. Eine zeigt die Umsetzung des ‚auto_face’ auf die Ebene ‚Video’, eine beinhaltet den realen sich verändernden Patch, der das Video generiert, während die letzte Projektion den Audiopatch screent. Die Flächen zwei und drei sind sozusagen Sichtfenster in das Innenleben des ‚auto_face’. An der vierten Wand des Raumes wird ein Plasmascreen installiert, auf dem das eigentliche Interface des ‚auto_face’ zu sehen ist (die Konventionen der deutschen Sprache zwingen zu dieser Kontradiktion). Der Plasmascreen wird zudem mit einem Keyboard versehen, das Eingaben der UserInnen ermöglicht.

Die akustische Ebene des ‚auto_face’ gestaltet sich wie folgt: Im Raum verteilt befinden sich sechzehn Lautsprecher, acht davon in Bodennähe, acht weitere in Deckenhöhe. Dadurch besteht die Möglichkeit einer sechzehnkanaligen Klangspatialisation, die fundamental für das akustische Erleben des ‚auto_face’ ist. Die technische Umsetzung soll absichtlich rau und ‚ungeschminkt’ ausfallen. Da das ‚auto_face’ grundlegend davon lebt, sich immer im Progress zu befinden, soll auch die Realinstallation im Raum den Eindruck verstärken, es mit einer annähernden organischen Maschinerie zu tun zu haben.



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